Was hat ihr  Thympanon mit den Glaubenskämpfen des 10. Jahrhunderts zu tun?
 
Eingang Kirche Obergreißlau
Die Eingangstür der Obergreißlauer Kirche.

Die Obergreißlauer Kirche ist im 12./13. Jahrhundert entstanden und romanischen Ursprungs. Wenn wir sie betreten, durchschreiten wir ein architektonisch besonders hervorgehobenes Portal. Es lohnt sich, hier einmal innezuhalten und nach oben zu schauen. Das ist er also: der Thympanon von Obergreißlau, dessen Bedeutung sich erst auf den genaueren und durch Vorwissen geschulten Blick erschließt.
Als Thympanon bezeichnet man ein halbkreisförmiges Steinbild oberhalb von Portalen. Dieses hier enthält mehrere figürliche Elemente und verschiedene Pflanzenornamente. Die größte Darstellung ist die des Lamm Gottes, mittendrin und zentral in einem inneren Halbkreis. Dieses trägt als Zeichen ein langes Kreuz mit einem Heiligenschein – wie eine Siegesfahne nach einem Feldzug, was durchaus als eine Darstellung des religiösen Siegeszuges im Kampf gegen das Heidentum gewertet werden darf.
Auch gilt es, die sakrale Bildsprache recht zu deuten, die eine spiegelbildliche Darstellung wiedergibt. D.h. betrachten wir den Thympanon von vorn, so schauen wir aus unserer eigenen profanen Lebenswelt heraus auf das Relief. Hinter dem Thympanon/Portal beginnt die geistig/geistliche Welt, so dass wir Betrachtende immer nur das Spiegelbild/Abbild der göttlich- geistigen Schöpfung wahrnehmen können. In Beachtung dieser spiegelbildlichen Darstellungsweise wendet sich das Lamm von links (= die Seite, die für Herz und Gefühl steht) nach rechts (die Seite, die Vernunft und Wissen symbolisiert) und schreitet somit voran auf dem Weg vom Glauben hin zum wahrhaften Wissen.
Rings um das Lamm sind die Tiersymbole der vier Evangelisten angeordnet: der Löwe für Markus, ein geflügelter Mensch für Matthäus, Adler bzw. Taube für Johannes und der Stier für Lukas. Verbindet man nun einmal diese Darstellungen und das Kreuzzeichen des Lammes mit einer gemeinsamen imaginären Linie, so wird man erstaunt feststellen, dass ein Haus mit angedeutetem Dach erkennbar würde: Das Gotteshaus der Christenheit, in dem das Lamm Gottes wohnt!
Damit wird nun umso deutlicher, was der äußere Fries um den Halbkreis uns über das Leben der ersten Christen in dieser Region verrät. Hier nämlich tobte ganz offensichtlich der Kampf: Ein großes Tier (ähnlich einem Drachen) steht im Kampf mit einem weiteren großen Tier (Hund, Wolf oder Löwe, jedenfalls ähnlich dem Tiersymbol des Markus). Ein Glaubenskampf an den Grenzen der christlichen Kirche gegen die wendisch-heidnische Bevölkerung? Wenn, dann jedenfalls auch einer mit Verlusten, denn ein kleineres Tier wurde schon vom Drachen überrannt, beisst ihm mit letzter Kraft noch in den Schwanz. Möglich wäre aber auch die Deutung eines inneren Glaubenskampfes, bei dem die „Kleingläubigen“ auf der Strecke geblieben oder rückfällig geworden sind. Dem drachenbekämpfenden Tier zur Seite steht eine Figur, die als der Heilige Georg gesehen werden kann. Dieser Heilige ist bekannt als ein Kämpfer für den Glauben, ein Drachenbezwinger und er unterstützt hier den Heiligen Cyriakus, den Schutzheiligen dieser Kirche.
Somit gibt es also auch eine Verbindung zur Untergreißlauer Kirche „St. Georg“, was uns zu weiteren Entdeckungsreisen in unsere christlich-regionale Vergangenheit einladen könnte.